
Bravo-Rufe für »Filmriss« im TiL
Der Jugendclub Spieltrieb thematisiert mit seinem neuesten Stück die sexuelle Verrohung in unserer Gesellschaft.
Ob nun Lessing, Schiller und Goethe oder Sartre - sie alle verlangen von Kultur und speziell vom Theater vor allem eins: Engagement, das zur individuellen Bildung und zu einer Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände führen soll. Zugegeben, das ist ein hoher Anspruch, doch das Stück »Filmriss« aus der Feder von Tina Müller erfüllt ihn. Am Freitag hatte das Schauspiel auf der Studiobühne im TiL Premiere, und am Ende gab es für die Produktion des Jugendclubs Spieltrieb des Stadttheaters unter der Leitung von Marco Ober und Abdul-M. Kunze kräftigen Applaus und Bravo-Rufe. Keine Frage, die Inszenierung - deren Konzept, Bühnenbild und Kostüme die Jugendclubakteure gemeinsam erarbeitet haben - konnte auf ganzer Linie überzeugen. Das lag nicht nur daran, dass man sich mit der sexuellen Verrohung Jugendlicher und dem Verfall zwischenmenschlicher Werte brandaktueller Themen angenommen hat. Besonders reizvoll war vielmehr, dass die zwölf Schauspieler des Clubs im Alter zwischen 13 und 21 Jahren eine Problematik auf die Bühne gebracht haben, die gerade ihre Altersgruppe besonders zu betreffen scheint. Authentizität ist damit garantiert, und deshalb verwundert es auch nicht, dass das Stück insgesamt sehr glaubhaft einen deutlichen gesellschaftskritischen Appell rüberbringt: Ihr Erwachsenen seid uns schlechte Vorbilder. Wer jetzt glaubt, hier würden schwierige Probleme einseitig den Älteren in die Schuhe geschoben, der irrt, denn »Filmriss« zielt auf eine bessere Verständigung zwischen den Generationen ab.
Ausgangspunkt des Stücks ist ein Phänomen, das unserer Tage immer wieder für Diskussionsstoff sorgt: An einer Schule taucht ein pornographisches Handyvideo auf, das die Lehrerschaft spaltet. Der Großteil der Pädagogen tut das als jugendliche Kinderei ab, wogegen eine Minderheit über die sexuelle Verrohung erschrickt. Und die wenigen haben Recht, denn in der Schülerschaft herrschen raue Sitten. Egal ob Macho Jackson, der schüchterne Darko oder Kindermodel Cindy - sie alle haben die Verbindung zwischen Liebe und Sexualität zugunsten einseitiger Körperlichkeit aufgekündigt. Freundschaft, Wärme oder zwischenmenschliches Verständnis? Längst spielen diese Werte unter den Jugendlichen keine Rolle mehr. Was zählt ist nur noch die Führerschaft in der Clique, der Sieg bei einem Bikiniwettbewerb und Sex.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass sich jede Figur nach erfüllter Liebe sehnt, während der Sozialisation jedoch gelernt hat, dieses Bedürfnis zugunsten rein triebhaften Verhaltens zu unterdrücken. Ein tiefer Riss geht durch die Jugendlichen im »Filmriss«. Der Grund dafür sind Erwachsene, die sich nicht für ihre Kinder interessieren, Sexualfixierung vorleben oder den Nachwuchs zum Körper- und Sexualkult erziehen. Eine schonungslose Diagnose, deren gesellschaftskritischer Appell nicht zu überhören ist.
Die Botschaft der Akteure im TiL war deutlich: Unsere Ellenbogengesellschaft, ein Singlemarkt, der in weiten Teilen längst nach marktwirtschaftlichen Kriterien funktioniert, und die einseitige Orientierung am Status sind keine wirklich guten Vorbilder. Sie führen zu zwischenmenschlicher Kälte, und wen wundert es, wenn nachkommende Generationen diese Vorstellungen übernehmen und intensivieren. Bevor wir jugendliches Verhalten anprangern, sollten wir Erwachsenen uns selbst überdenken, und - auch das ist eine Botschaft des Stücks - in den Dialog der Generationen eintreten. »Hut ab« vor dem weitsichtigen gesellschaftskritischen Engagement der Spieltrieb-Akteure, die alle auch schauspielerisch überzeugen konnten. Auf der Bühne zu sehen waren: Sibel Celikkale, Dana Golafra, Nicole Gouriya, Chiara Petry, Kathi Pracht, Linda Weber, Cosima Weisz; Ubaida Abdulmawjood, Ali Can, Cemil Uludag, Nick Westbrock, Duncan Wick. Weitere Vorstellungen sind am 7. und 17. Mai sowie am 5. und 11. Juni jeweils um 20 Uhr im TiL. Stephan Scholz, 02. Mai 2011, Gießener Allgemeine Zeitung